CAD/CAM-Materialvielfalt: Fluch oder Segen?

Universitäts-Professor Dr. Gerwin Arnetzl (Klinische Abteilung für Zahnersatzkunde, Universität Graz, Österreich) befasst sich in diesem Beitrag mit Kriterien für eine fachgerechte Materialwahl. Die zentrale Fragestellung vieler CAD/CAM-Praxen und -Labore lautet heute: Gibt es für jede Indikation das „richtige“ Material?

Der Markt für Vollkeramik wächst und die Dentalindustrie bietet neben klassischen Feldspat- und Oxidkeramiken zusätzlich neuartige Keramiken wie z.B. die Hybridkeramik VITA ENAMIC an. Dabei präsentiert sich diese Materialvielfalt gleichermaßen als Fluch wie als Segen: Nie zuvor konnte eine patienten- und fallspezifische Auswahl so differenziert wie heute getroffen werden. Gleichzeitig war es nie zuvor so schwierig den Überblick zu wahren, denn in eine Indikationsklasse fallen zumeist diverse Materiallösungen. Es ist ein adäquates werkstoffkundliches Wissen bei Zahnärzten erforderlich, um zu entscheiden, wann welches Material das richtige ist. Persönliche Vorlieben dürfen durchaus eine Rolle spielen. Keine Lösung hingegen ist, einfach Vollkeramik auf dem Auftragszettel zu notieren und so die Verantwortung an den Zahntechniker weiterzureichen.

Bewertungsmaßstab

Als Bewertungsmaßstab für dentale Werkstoffe wird traditionell oftmals die Biegefestigkeit herangezogen. Aus der Materialkunde wissen wir aber, dass für die klinische Anwendung weitere Parameter eine wichtige Rolle spielen. Die Leistungsfähigkeit eines Materialprobekörpers (= „Biegestäbchen“) bei der Biegefestigkeitsmessung kann nur bedingt Aussagen über das klinische Langzeitverhalten eines Werkstoffs machen. Mehr Beachtung verdienen daher Materialkennwerte wie die Risszähigkeit, der Weibull-Modul und der Elastizitätsmodul.

Entscheidungskriterien

Der erste Schritt bei der Materialauswahl besteht in der Überlegung, ob ein hochbelastbares Material für den Einsatz im Seitenzahnbereich oder ein hochästhetisches Material für den Einsatz im Frontzahnbereich benötigt wird. Prinzipiell sind beispielsweise Oxidkeramiken wie VITA In-Ceram YZ für Brückengerüste und multichromatische Feldspatkeramiken wie VITABLOCS TriLuxe forte im Frontzahnbereich zu bevorzugen. Bei implantatgetragenen Versorgungen wird die Entscheidung schon etwas schwieriger. Denn bei Versorgungen mit traditionellen Keramiken auf Implantaten werden vergleichsweise hohe Verlustraten verzeichnet.1 Hier kann eine Hybridkeramik wie VITA ENAMIC mit ihrem dentinähnlichen E-Modul von Vorteil sein. Ferner kann eine Hybridkeramik auch für kritische
Indikationen wie Stiftaufbauten devitaler Zähne und bei Patienten mit Funktionsstörungen sinnvoll sein. Diese Versorgungsformen sind jedoch noch experimentell bis ausreichend klinische Daten vorliegen.

Verarbeitung

Grundsätzlich gilt: Für jeden CAD/CAM-Werkstoff sind bei Präparation und Design materialspezifische Anforderungen und verfahrenstechnische Gegebenheiten zu berücksichtigen.2 Die adhäsive Befestigung ist bei Vollkeramik obligatorisch, da die Stabilität der Versorgung durch den Klebeverbund quasi verdoppelt wird.3 Werden bei der Verarbeitung Kompromisse eingegangen, um vermeintlich Zeit einzusparen, leidet zwangsläufig das Gesamtsystem.

Literaturhinweis

1 Brägger U., Aeschlimann S., Bürgin W., Hämmerle C., Lang N.P., Biological and technical complications and failures with fixed partial dentures (FPD) on implants and teeth after four to five years of function. Clin Oral Implants Res. 2001 Feb; 12(1):26-34.

2 Arnetzl G., Arnetzl G.V., Klinische Aspekte in der Vollkeramik; publiziert durch die VITA Zahnfabrik, Bad Säckingen, Deutschland; Download via www.vita-zahnfabrik.com

3 Mörmann W. et al.; „Der Einfluss von Präparation und Befestigungsmethode auf die Bruchlast vollkeramischer Computerkronen“, Acta Med Dent Helv, Vol.3:2/1998.

Prof. Dr. Gerwin Arnetzl (Graz, Österreich)
„Nie zuvor konnte eine patienten- und fallspezifische Auswahl so differenziert wie heute getroffen werden.“
Prof. Dr. Gerwin Arnetzl (Graz, Österreich)
Prof. Dr. Gerwin Arnetzl (Graz, Österreich)